Hier findest du den Podcast und das wörtliche Transkript des vierten Abschnitts.
Folge 4 – Die Texte des Neuen Testaments und das Problem der Übersetzung
In dieser Folge:
Eine sprachhistorische Untersuchung von Römer 1 sowie der Begriffe Malakoi und Arsenokoitai bei Paulus. Im Zentrum steht der belegte Übersetzungsfehler von 1946, als das moderne Wort „Homosexuals“ erstmals in eine Bibelübersetzung eingefügt wurde – ein Fehler, den das zuständige Komitee selbst später einräumte.
Themen:
- Paulus und die stoische Philosophie seiner Zeit
- Römer 1: Götzendienst, Exzess und antike Oberschicht
- Malakoi und Arsenokoitai – Bedeutung und Kontext
- Der Übersetzungsfehler von 1946 und seine Folgen
- Wie moderne Bibelübersetzungen (RSV, ESV, NIV) unterschiedlich reagierten
Stell dir mal vor, du spielst eine Jahrtausende alte Partie Stille Post und ähm einziges falsch übersetztes Wort, also wirklich nur ein Wort, im Jahr 1946 schreibt man eben die Kulturgeschichte der modernen Welt um. Millionen von Leben, endlose Debatten, riesige politische Spaltungen und alles basierend auf einem, na ja, linguistische Missverständnis, dass sich da in einen antiken Text eingeschlichen hat. Ja, das ist echt Wahnsinn. Wir betrachten solche alten Schriften Ja, oft so, als wären das ähm in steingemeißelte absolute Formeln. Da steht ein Wort, also hat der Autor genau das gemeint, was wir heute darunter verstehen.
Genau so liest man das ja oft. Aber diese Illusion der Klarheit ist total trügerisch. Sobald man sich wirklich mit der Welt der antiken Schriften und diesen langen Übersetzungslinien beschäftigt, dann äh löst sich diese Gewissheit komplett auf. Mhm. Okay. Man betraftet da kein scharfes Foto der Vergangenheit. Es ist eher, stell dir vor, ein antikes Gemälde über dass Generationen von Übersetzern also Schicht um Schicht ihren eigenen kulturellen Klarlack gepinselt haben. Und irgendwann sieht man das Original gar nicht mehr.
Exakt. Irgendwann sieht man nur noch die Ängste, die moralischen Vorstellungen und die Konzepte der Übersetzer selbst. Wow. Okay, das ist ein starkes Bild. Damit willkommen zu unserer heutigen ausführlichen Betrachtung. Schön, dass du dabei bist. Wir stützen uns heute auf ein extrem spannendes Quellenmaterial, das nennt sich Die Texte des Neuen Testaments und Bibelübersetzung. Ein wirklich faszinierendes Thema. Absolut. Unser Ziel heute ist es, diese ganz oft zitierten biblischen Verse zum Thema Homosexualität mal unter das Mikroskop der historisch kritischen Analyse zu legen. Wir wollen verstehen, was im antiken Griechisch eigentlich wirklich stand und vor allem wie moderne Übersetzungen das dann geprägt haben, was wir heute glauben zu wissen.
Ganz genau. Und ähm bevor wir da tief in das antike Griechisch abtauchen, müssen wir eine absolute Grundregel für die heutige Diskussion festlegen. Wir ergreifen hier keinerlei theologische oder politische Seite. Nein, überhaupt nicht. Wir bewerten hier nicht, ob eine bestimmte religiöse Auslegung richtig oder falsch, konservativ oder progressiv ist. Wir sind heute wirklich reine Beobachter der Linguistik, der antiken Geschichte und na ja, der Mechanik, wie Sprache unsere Realität formt.
Sozusagen lingische Detektive. Richtig. Okay, lass uns das mal aufdröseln. Wir beginnen am besten mit dem absoluten Herzstück dieser ganzen Debatte. Das ist ein Text aus dem Römerbrief des Apostels Paulus, genauer gesagt Römer 1, Verse 26 bis 27. Mhm. Ja, eine sehr bekannte Stelle eben. Diese Passage ist berühmt, weil sie die einzige Stelle in der gesamten Bibel ist, die weibliche Gleichgeschlechtlichkeit explizit thematisiert. Wer moderne Bibelübersetzungen liest, der sieht in Römer 1 oft so eine scheinbar unmissverständliche Verurteilung gleichgeschlechtlicher Handlungen, also als eine Abweichung von der natürlichen Schöpfungsordnung, richtig?
Ja, das ist so das gängige Verständnis heute. Um aber historisch kritisch zu arbeiten, müssen wir wirklich versuchen, den mentalen Raum des Autors zu betreten. Also, wer war Paulus? Paulus war ein hellenistischer Jude und römischer Bürger und sein Denken war tief in der Philosophie seiner Zeit verwurzelt. Okay. Und was war das für eine Philosophie? Hauptsächlich der Stoizismus. Man muss sich die stoische Philosophie quasi als das vorherrschende äh intellektuelle Betriebssystem der damaligen Elite vorstellen.
Ah, okay. Betriebssystem ist ein guter Vergleich. Wie Seneca lehrten damals, dass die menschliche Vernunft das absolut höchste sei. Alles andere musste sich dem unterordnen. Also Kontrolle über alles. Ganz genau. Leidenschaften und sexuelles Verlangen wurden mit enormer Skepsis betrachtet, weil die halt das Potenzial hatten, die Vernunft einfach zu überschreiben. Zügellosigkeit störte in deren Augen den moralischen Kompass eines Menschen völlig. Er schreibt das also aus so einer Perspektive, die jeden Kontrollverlust absolut fürchtet.
Richtig. Und wenn man den Text dann liest, baut Paulus da sein Argument auf. Er spricht von Heiden, die Gott eigentlich in der hätten erkennen können, sich dann aber Götzenbildern zuwanden, der berühmte Götzendienst. Und die Konsequenz dieser Abkehr ist dann aber kein biblischer Blitzschlag oder so. Im Text heißt es: „Gott gibt sie dahin.“ Er überlässt sie also einfach ihren eigenen destruktiven Leidenschaften. Ja, die sexuellen Ausschweifungen, die er da beschreibt, sind kein isoliertes moralisches Problem, sondern das direkte Symptom dieses Götzendienstes.
Aber da muss ich mal fragen, wer genau ist denn hier eigentlich gemeint? Ich meine, Paulus spazierte ja nicht durch ein modernes Vorstadtviertel und hat sich da umgesehen. Nein, überhaupt nicht. Er nimmt da die absolute Oberschicht der hellenistisch-römischen Großstädte ins Visier. Das ist eine extrem privilegierte, völlig dekadente Machtelite. Leute, die im Grunde alles hatten, mehr als das. Menschen, die in einem unfassbaren Reichtum lebten, den wir uns heute, na ja, kaum noch vorstellen können. Diese Elite war nicht einfach nur wohlhabend, die war komplett übersättigt.
Und aus dieser Übersättigung heraus passiert dann was? Aus dieser völligen moralischen und materiellen Maßlosigkeit begannen sie absolut jede erdenkliche sexuelle Erfahrung völlig wahllos auszuprobieren. Das umfasste kultische Ausschweifungen, wo Götzenanbetung mit Sex verschmolz. Mhm. Es umfasste institutionalisierte Pederastie, also diese machtgetriebene Knabenliebe. Und das ist ganz wichtig, es basierte fundamental auf dem Sklavensystem der Antike. Ja, das ist oft der an dem unsere moderne Vorstellungskraft so ein bisschen scheitert, finde ich. Wir denken bei Sklaverei vielleicht an wirtschaftliche Ausbeutung, aber in der antiken römischen Gesellschaft war die Sexualität ja untrennbar mit sozialem Status verbunden, oder?
Absolut. Sexualität war Machtausübung. Sklaven gaben schlichtweg als Instrumente zur Bedürfnisbefriedigung ihrer Besitzer. Puh, das ist hart. Ist es. Der sexuelle Zugriff auf Sklaven und Sklavinnen durch den Hausherr oder eben auch durch wohlhabende Röm Frauen auf ihre Dienerinnen. Das war gesellschaftlich völlig normalisiert. Es war rechtlich komplett sanktioniert. Paulus blickt also quasi auf ähm verheiratete heterosexuelle Menschen der Oberschicht, die aus reiner Gier nach immer neuneren extremeren Reizen ihre Sklaven ausbeuteten, Knaben hielten und jegliche Grenze der Selbstbeherrschung einfach einrissen.
Genau das ist das Szenario. Wenn ich dieses historische Bild so höre, drängt sich mir direkt so eine Analogie auf. Stell dir vor, du bist auf einem unvorstellbar luxuriösen Bankett. Die Tische biegen sich unter dem besten Essen der Welt. Okay, ich bin dabei. Aber eine kleine Gruppe von diesen extrem reichen Gästen ist so maßlos und so übersättigt, dass sie das eigentliche Essen völlig ignorieren. Aus purer Dekadenz fangen die dann an ähm das Porzellan zu zerkauen, die Tischdekoration zu essen und zwingen dann auch noch das Servicepersonal dabei mitzumachen.
Das ist ein krasses Bild, aber sehr passend. Wenn wir dieses Verhalten kritisieren, dann sprechen wir ja nicht über natürliche Nahrungsaufnahme oder biologischen Hunger. Wir sprechen über einen bizarren Exzess und die Zerstörung jeglicher Grenzen. Das trifft den Kern von Paulus Argumentation wirklich bemerkenswert gut. Was hier faszinierend ist, ist, dass Paulus im Text ein ganz zentrales Konzept benutzt. Das Konzept des Austausches. Ah, okay. Wie meint er das? Er schreibt: „Diese Menschen hätten den natürlichen Verkehr verlassen und ihn gegen den Unnatürlichen eingetauscht.“ Dieser Austausch ist der logische Dreh- und Angelpunkt seiner gesamten Theologie an dieser Stelle.
Also ein bewusster Akt. Ja, seine Analogie funktioniert überhaupt nur, wenn man von Menschen ausgeht, die heterosexuell veranlagt sind und diese Natur ganz bewusst für neue grenzüberschreitende Reize verwerfen. Er geht also von einem willentlichen Umstieg aus Langeweile aus. Das ist spannend, weil ähm ich versuche das gerade mal auf unsere heutige Sichtweise zu übertragen. Wir haben heute ja ein völlig anderes Konzept von Sexualität. Inwiefern? Na ja, Heute verstehen wir sexuelle Orientierung ja als etwas innerentes, als eine psychologische und biologische Konstante, nicht als eine Laune. Richtig, aber dieses moderne psychologische Konzept war der Antike schlicht völlig unbekannt. Paulus hatte keine klinischen Studien gelesen und kannte keine modernen queren Selbstzeugnisse.
Er hat einfach beschrieben, was er auf den Straßen Roms gesehen hat. Ganz genau. Missbrauch, Überfluss und heidische Kulte. Eine inente langfristige homosexuelle Ident existierte in seinem kategorialen Raster schlichtwg nicht. Das fasst das für heute echt gut zusammen. Moderne que Christinnen und Christen vollziehen ja keinen solchen Umstieg. Die leben in auf konsensbasierenden Beziehungen. Fernab von Paulus Kritik an Götzenkult und Ausbeutung. Exakt. Das sind zwei völlig verschiedene Welten.
Okay. Wenn Paulus Kritik im Römerbrief also auf diese gelangweilte elitäre Maßlosigkeit abzielte, was passiert dann, wenn er diese stoische Brille auf das absolute Straßenchaos einer Stadt wie Korinth richtet? Das bringt uns nämlich zu 1. Korinther 6, Verse 9 bis 10. Ah, Korinth, das war ja eine ganz andere Hausnummer. Korinth war ja im Grunde, na ja, das Las Vegas der Antike oder ein multikultureller Schmelztigel. Da ging es ums nackte Überleben, um Handel und sicher auch um sehr viel sündiges Vergnüben.
Korinth war wild, laut und moralisch extrem unübersichtlich und die frühe christliche Gemeinde dort hatte massive ethische Probleme. Betrug, Ausbeutung, interne Machtkämpfe. Und wie geht Paulus damit um? Er adressiert das mit einer rhetorischen Form, die damals sehr gängig war, der sogenannten Lasterliste. Er zählt also verschiedene destruktive Verhaltensweisen auf, die nicht in diese neue Gemeinde gehören. Und in dieser spezifischen Liste tauchen zwei hochumstrittene griechische Begriffe auf, die Übersetzern ja seit Jahrhunderten Kopfschmerzen bereiten.
Richtig, Malakoi und Arsenokitai. Lass uns die beiden mal seziert betrachten. Fangen wir mit Malakoi an. Wörtlich übersetzt bedeutet das ja einfach nur weich. Stimmt das? Weich oder auch verweichlicht. Ja, in der antiken Welt wurde das unglaublich breit eingewendet. Meistens einfach als Beleidigung für mangelnde Selbstkontrolle. Also nicht unbedingt sexuell? Nicht zwingend. Ein Mann, der zu viel Zeit mit der Haarpflege verbrachte, der zu viel aß oder vor Schmerz zurückschreckte, wurde als Malakos bezeichnet.
Okay. Und wenn es im sexuellen Kontext auftauchte? Dann beschrieb es Männer, die sich dominieren ließen. Hier müssen wir das antike Verständnis von Menschlichkeit völlig neu denken. Die Römer und Griechen dachten sexuell nicht in Kategorien wie homo- oder heterosexuell, sondern sie dachten in Kategorien von aktiv und passiv. Wer die Macht hat, penetriert. Wer keine Macht hat, wird penetriert. Also war Sexualität in der Antike im Grunde nur ein physisches Flussdiagramm davon, wer den höheren sozialen Status hatte?
Das bringt es perfekt auf den Punkt. Ein freier römischer Bürger musste in absolut jedem Lebensbereich dominieren. Sich dominieren zu lassen, also die passive Rolle einzunehmen, galt als massiver Verlust von Würde und wurde extrem verachtet. Aber warum haben Männer das dann gemacht? Oft aus bitterer ökonomischer Not. Männer, die als Malakoi bezeichnet wurden, nahmen diese Rolle in der Regel nicht aus einer bestimmten sexuellen Vorliebe heraus ein. Sie verkauften ihre Körperlichkeit an ranghöhere Männer, einfach um zu überleben.
Verstehe. Es war also eine Beschreibung von Unterwerfung und Statusverlust, nicht von einer sexuellen Orientierung. Richtig. Es ging um wirtschaftliche und soziale Hierarchien. Da hake ich aber mal kritisch nach. Das erklärt das erste Wort Malakoi. Aber dann haben wir ja noch dieses zweite Wort Arsenokoitai. Das ist ein Begriff, den Paulus sich offensichtlich selbst ausgedacht hat. Ja, eine Wort-Neuschöpfung. Genau. Aus Arsen für Mann und Koite für Bett. Aber Moment, wenn Paulus damit wirklich nur die Ausbeutung, die Prostitution oder diese institutionalisierte Pederastie meinte, warum hat er dann nicht einfach die damals existierenden sehr präzisen griechischen Begriffe für genau diese Praktiken verwendet? Das ist eine exzellente Frage.
Ich meine, die griechische Sprache war doch extrem reich an Wörtern für Pederastie. Warum erfindet er ein neues Wort? Das ist die entscheidende philologische Frage, dass Paulus hier ein sogenanntes Hapax legomenon erfindet, also ein Wort, das in der gesamten antiken Literatur quasi nirgendwo sonst vorkommt. Das ist ein Alarmsignal für jeden Historiker. Okay, warum? Na ja, hätte er die allgemein bekannte etablierte Pederastie pauschal verurteilen wollen, hätte er einfach die bekannten Begriffe genutzt. Aber Paulus reiht Wörter in den Kontext von Porneia ein.
Porneia, das wird in heutigen Bibeln oft harmlos mit Unzucht übersetzt, oder? Ja, leider. Aber damals meinte Porneia sehr konkret Praktiken, die mit wirtschaftlicher Gier, Ausbeutung und Prostitution verknüpft waren. Er suchte also nach einem Wort, das nicht nur die Handlung an sich beschreibt, sondern den Täter in diesem spezifischen ausbeuterischen System irgendwie greifbar macht. Genau. Paulus greift die aktive Seite dieses Machtgefälles auf. Es geht um den sexuellen Zugriff wohlhabender, mächtiger Männer auf sozial abhängige Personen.
Mhm. Wenn man aus diesen Wörtern, die sich um Hierarchie, Geld und Unterwerfung drehen, eine Verurteilung von symmetrischen, gleichberechtigten Partnerschaften ableiten will, dann zwingt man dem Text ein Konzept auf, das dem Autor völlig fremd war. Das leuchtet ein. Und wenn wir diese Spur dieses neuerfundenen Wortes Arsenokoitai jetzt mal weiter verfolgen, dann landen wir direkt in Ephesos. Richtig, im ersten Timotheusbrief. Genau. Paulus nutzt diesen Begriff in 1. Timotheus 1, Vers 10 erneut. Hilft uns der Kontext dort vielleicht das Rätsel endgültig zu knacken?
Ja, massiv. Denn in diesem Brief wendet Paulus das hebräische Heiligkeitsgesetz auf die griechisch-römische Lebensrealität an. Man muss dazu verstehen, was Ephesos für eine Stadt war. Was war da los? Der dortige Artemistempel war nicht nur ein religiöses Gebäude, er war eine der größten Banken der Antike, das absolute wirtschaftliche Zentrum der ganzen Region. Ein riesiger Finanzplatz. Also genau hier ballten sich unfassbarer Reichtum, wirtschaftliche Ausbeutung und vermutlich auch rituelle Prostitution.
Wenn Paulus hier eine Lasterliste schreibt, dann formuliert er einen Katalog massiver krimineller Energie. Und die unmittelbare Nachbarschaft unseres Wortes Arsenokoitai in dieser Liste ist echt entlarvend. Absolut. Wenn wir das in einen größeren Zusammenhang stellen, wird es super deutlich. Da stehen Vater- und Muttermörder, Totschläger und dann kommen drei Begriffe am Stück: Die Unzüchtigen, die Arsenokoitai und direkt danach die Menschenhändler. Mhm. Menschenhändler. Ich meine, wenn jemand zwischen Mördern und Sklavenhändlern steht, dann sprechen wir da offensichtlich nicht über ein romantisches Date.
Die direkte grammatikalische Kombination mit Menschenhändlern, also Kriminellen, die Menschen entführen und für sexuellen oder ökonomischen Profit verkaufen, zeigt überdeutlich, worauf Paulus hier abzielt, nämlich es geht um die Objektifizierung des Menschen. Jemand wird seiner Freiheit und Würde beraubt, um einfach als Werkzeug für die Lust eines anderen zu dienen. Das demontiert ja völlig eines der hartnäckigsten Argumente, die man in modernen Diskussionen oft hört. Leute sagen oft: „Guck mal, Paulus stellt Homosexuelle auf eine Stufe mit Mördern und Menschenhändlern.“
Ja, das hört man oft. Aber diese Schlussfolgerung basiert ja anscheinend auf einer massiv fehlerhaften Rückübersetzung. Paulus verurteilt hier explizit Täter, die ein Machtgefälle ausnutzen. Er benutzt Tatwörter für Ausbeuter, keine modernen Identitätsbegriffe. Genau. Würde man anerkennen, dass Arsenokoitai historische Ausbeuter und Täter sexualisierter Gewalt beschreibt, fällt diese provokante Gleichsetzung von modernen Homosexuellen mit Mördern augenblicklich in sich zusammen. Und hier wird es wirklich interessant, denn wir haben jetzt ja gesehen, dass das antike Griechisch sich nahezu obsessiv auf Macht, Gewalt, das Sklavensystem und diesen Götzendienst konzentriert.
Mhm. Wie um alles in der Welt kommen wir dann zu modernen Bibeln, in denen ohne jede Fußnote schlicht das Wort Homosexuelle steht? Wie ist das passiert? Da müssen wir ins Jahr 1946 reisen. Das ist der Moment, in dem aus unserer historischen Untersuchung ein echter handfester Übersetzungskrimi wird. Okay. Was passiert 1946? 1946 veröffentlichte die Revised Standard Version, kurz RSV, das Neue Testament auf Englisch und dort wurde zum allerersten Mal in der Geschichte in 1. Korinther 6,9 das neuzeitliche Wort Homosexuals in den Text gedruckt.
Zum allerersten Mal? Ja, man muss den historischen Hintergrund der 40er Jahre bedenken. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte die moderne Psychiatrie menschliches Verhalten stark zu katalogisieren. Okay. Der Begriff Homosexual, der ja erst Ende des 19. Jahrhunderts überhaupt erfunden wurde, wurde zunehmend als feste klinische Identität definiert. Die Übersetzer der Bibel dachten damals also wahrscheinlich, sie machen den Text präziser und irgendwie moderner. Genau. Sie dachten, sie übersetzen in eine aufgeklärte wissenschaftliche Sprache. Tatsächlich zogen sie aber diese beiden hochkomplexen antiken Wörter Malakoi und Arsenokoitai einfach zusammen und pressten sie in eine moderne psychologische Schublade, die erst knapp 50 Jahre zuvor überhaupt gezimmert worden war.
Aber das blieb doch bestimmt nicht lange unbemerkt, oder? Sowas muss doch auffallen. Es dauerte etwas mehr als 10 Jahre, bis jemand anfing, die Puzzleteile wirklich zusammenzusetzen. 1959 setzte sich ein junger Theologiestudent namens David Faron hin und schrieb einen Brief an dieses Übersetzungskomitee. Was hat er geschrieben? Er argumentierte glasklar. Das Wort Homosexuelle beschreibt eine innewohnende psychologische Veranlagung, eine Identität, und dieses Konzept existierte zur Zeit des Paulus einfach noch nicht.
Mhm, logisch. Faron wies dann anhand der antiken Quellen nach, dass es im Text um Ausbeutung, Prostitution und Pederastie ging. Und das wirklich Erstaunliche daran ist die Reaktion. Haben die ihn ignoriert? Nein. Der Leiter des Übersetzungskomitees, Luther Weigle, antwortete ihm und gab ihm Recht. Er räumte ganz offen ein, dass diese Übersetzung ungenau war und man schlicht einen Fehler gemacht hatte. Wow, was für ein gigantisches Eingeständnis von so einem hochrangigen Komitee. Aber ich nehme an, die Bibeln waren schon längst gedruckt.
Genau. Verträge und Druckplatten sind geduldig. Es dauerte bis 1971, bis die RSV Revision das Wort Homosexuals wieder aus dem Text entfernte. Und durch was haben sie es ersetzt? Sie ersetzten es durch Sexual perverts, also sexuell Perverse. Okay, immer noch stark moralisch. Ja, aber sie strichen zumindest diese moderne Identitätskategorie wieder heraus. Die spätere NASB von 1999 übersetzte es dann historisch viel genauer, nämlich als Männer, die unerlaubten Sex haben. Aber der Felsbrocken rollte da ja wahrscheinlich schon längst den Berg hinab, oder? Das Wort war ja Jahrzehnte im Umlauf.
Genau, das Wort war in der Welt und vor allem in den Köpfen der Menschen. Ab diesem Punkt spaltet sich die Landschaft der Bibelübersetzung ideologisch tief auf. Inwiefern? Auf der konservativen Seite steht z.B. die English Standard Version, die ESV von 2001. Obwohl sie rechtlich auf der alten RSV aufbaute, ignorierte das ESV-Komitee diese Korrektur von 1971 komplett. Sie behielten das Wort Homosexualität in 1. Korinther 6 einfach bei. Und nicht nur das, da habe ich was gelesen, was ich kaum fassen konnte. Sie haben das Wort im Zuge ihrer Revisionen sogar in sechs weitere Bibelstellen eingefügt, an denen es vorher nie zu finden war.
Richtig. Sie haben also einen bekannten, eingestandenen Übersetzungsfehler genommen und ihn aktiv multipliziert. Das ist heftig. Sie haben den Text redaktionell so bearbeitet, dass er direkt in die aktuellen gesellschaftlichen Debatten des 21. Jahrhunderts passt. Es ging darum, ein moralisches Signal zu setzen. Und die andere Seite? Ein völlig anderer Prozess fand bei der New International Version, der NIV, statt. Das ist die heute meistverkaufte englischsprachige Bibel weltweit. Wie hat die NIV dieses historische Minenfeld umschifft?
In den 70er Jahren versuchten sie es noch mit Homosexual Offenders, um die strafbare oder ausbeuterische Handlung zu betonen. Aber in der großen Revision von 2011 traf das Komitee dann eine radikale Entscheidung. Welche? Sie strichen das Wort Homosexual vollständig und ersatzlos aus der Bibel. Nach wirklich umfangreichen philologischen Studien kamen sie zu dem Schluss, dass der Begriff ein reiner Anachronismus ist. Man stülpt also ein modernes Konzept einer festen sexuellen Orientierung rückwirkend über einen antiken Text. Ein Text, der in Wahrheit eigentlich ausbeuterische Handlungen in einem sehr spezifischen römisch-hellenistischen Machtgefüge verurteilt.
Ganz genau. Heute beschreibt die NIV an dieser Stelle die physische Handlung, vermeidet aber völlig die Verurteilung der modernen Identität. Genau hier schließt sich auch der Kreis zu unserem Versprechen vom Anfang. Wir werten nicht, welche theologische Seite hier recht hat, aber wir müssen diesen Mechanismus einfach mal bestaunen. Es ist faszinierend. Ein Begriff, der im 19. Jahrhundert überhaupt erst erfunden wurde, landet 1946 in einem 2000 Jahre alten Text, der eigentlich von Machtmissbrauch, wirtschaftlicher Ausbeutung und Götzenkult handelt.
Ja. Die Texte des Paulus richten sich gegen den zerstörerischen Exzess einer Elite, die ihre Sklaven ausbeutete und gegen die kriminellen Praktiken im Umfeld antiker Tempel. Und sie zeigen uns vor allem, wie gefährlich es ist, antike Begriffe, die Hierarchie und Unterwerfung beschreiben, einfach blind auf moderne, gleichberechtigte Beziehungen zu übertragen. Mhm. Wie die Forschung in den Quellen belegt. Paulus verurteilt sexuelle Gewalt, Ausbeutung und Maßlosigkeit. Das moderne Verständnis von gegenseitigem Konsens und einer liebevollen Orientierung, das kommt in seinem historischen Horizont einfach gar nicht vor.
Also was bedeutet das alles für uns, wenn wir das nächste Mal ein Buch aufschlagen? Wir haben heute gesehen, wie ein einziges 1946 modernisiertes Wort enorme Schockwellen durch die Gesellschaft geschickt hat. Eine enorme Wirkung, ja. Das lässt uns mit einem Gedanken zurück, den du mal in Ruhe durchdenken kannst. Wenn unsere moderne Vorstellung von Psychologie und Identität antike Texte derart massiv umformen konnte und zwar ohne, dass es lange jemandem aufgefallen ist, wie viele andere unserer scheinbar unverrückbaren historischen Wahrheiten spiegeln eigentlich gar nicht die Absicht der ursprünglichen Autoren wieder?
Eine sehr gute Frage. Egal, ob wir über Religion, Philosophie oder Geschichte lesen, wie oft blicken wir beim Lesen der Antike eigentlich nur in den Spiegel der kulturellen Ängste und unbewussten Annahmen der Übersetzer aus dem 19. oder 20. Jahrhundert? Welche anderen 1946-Momente stecken vielleicht in den Büchern, die auf unseren Nachttischen liegen und unser tägliches Leben prägen? Eine ziemlich faszinierende Vorstellung. Vielen Dank fürs Zuhören.
