Podcast Transkript umfangreicher

Hier findest du den Podcast und das wörtliche Transkript des umfangreicheren Podcasts.

In dieser Folge:
Die vertiefte Version desselben Themas: Ausgehend vom „Früchte“-Kriterium und der Schöpfungsgeschichte werden Sodom, Levitikus, Römer 1 sowie die griechischen Begriffe Malakoi und Arsenokoitai ausführlich analysiert – inklusive der Geschichte eines folgenreichen Übersetzungsfehlers aus dem Jahr 1946. Ergänzt wird das Ganze durch historische Beispiele kirchlichen Umdenkens.

Themen:

  • Der Übersetzungsfehler von 1946 („Homosexuals“ in der RSV-Bibel)
  • Sodom, Levitikus und Römer 1 im historischen Kontext
  • Malakoi und Arsenokoitai – was die griechischen Begriffe wirklich meinten
  • Konversionstherapien und der Zusammenbruch von Exodus International
  • Historische Parallelen: Galilei, Sklaverei, Polygamie

Sprecher 1: Dieser Podcast wird von einer KI gesprochen und basiert auf einem bereitgestellten Dokument. Ähm, stell dir mal vor, du findest heraus, dass ein einziges Wort, das heute wirklich das Leben, den Glauben und ja, die spirituelle Heimat von Millionen von Menschen prägt, erst im Jahr 1946 durch einen Übersetzungsfehleler in die Bibel gerutscht ist.

Sprecher 2: Ja, das ist also das klingt wirklich fast wie der Plot von so einem theologischen Thriller, oder?

Sprecher 1: Absolut. Ein Wort, dass es im antiken Grundtext der heiligen Schrift so schlichtweg einfach nicht gab. Ähm und das ist ein realer Teil der jüngeren Kirchengeschichte. Schön, dass du heute dabei bist. Wir widmen uns in unserer heutigen sehr tiefgehenden Auseinandersetzung einem Thema, das für viele ähm direkt den Kern des eigenen Glaubens berührt. Es geht nämlich um dieses komplexe Spannungsfeld von konservativ chchristlichem Glauben und Homosexualität.

Sprecher 2: Genau. Und um gleich mal das Fundament für unser Gespräch zu legen, wir näheren uns diesem emotionalen Thema heute ganz bewusst nicht mit so einem erhobenen Zeigef

Sprecher 1: Richtig, keine abstrakte Kanzel heute.

Sprecher 2: Ja, genau. Wir tun das stattdessen anhand eines wirklich sehr persönlichen und auch theologisch enorm fundierten Dokuments. Er stammt von Christoph. Christoph ist 49 Jahre alt. Er ist ein schwuler Christ, der in einer sehr pietistisch geprägten landeskirchlichen Gemeinschaft in Hannover aufgewachsen ist.

Sprecher 1: Mhm. Also sehr verwurzelt im Glauben.

Sprecher 2: Total. Und er nimmt uns in seinem Text quasi mit auf seinen jahrzehntelangen Lebens und Glaubensweg.

Sprecher 1: Und ähm ich finde genau das macht diese Auseinandersetzung heute so wertvoll, weißt du, es geht uns hier überhaupt nicht darum, irgendwie die Autorität der Bibel anzugreifen oder jetzt moralischen Druck aufzubauen.

Sprecher 2: Nee, absolut nicht.

Sprecher 1: Das Gegenteil ist eigentlich der Fall. Also die Einladung an dich lautet heute die Bibel vielleicht noch genauer, noch tiefer gehender und wirklich Ergebnis offen zu lesen. Hast du schon einmal einen dir völlig vertrauten Bibelvers gelesen und plötzlich gemerkt, krass, ich habe denn mein ganzes Leben lang durch eine ganz bestimmte Brille betrachtet?

Sprecher 2: Ja, diese berühmte theologische Brille, die wir alle irgendwie aufhaben, ne?

Sprecher 1: Genau. Und wenn ich Christophs Aufzeichnungen so betrachte, dann drängt sich mir direkt zu Beginn ein Maßstab auf, ähm den Jesus selbst ja in der Bergpredigt etabliert hat. In Matthäus 7 sagt Jesus nämlich: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Sprecher 2: Ein sehr bekannter Vers.

Sprecher 1: Ja, richtig. Ein guter Baum bringt gute Früchte, ein schlechter Baum schlechte. Und wenn wir diesen Maßstab ernst nehmen, dann müssen wir uns einfach mal ansehen, welche Früchte die Tradition theologische Lehre im Leben von homosexuellen Christinnen und Christen eigentlich hervorbringt.

Sprecher 2: Das ist ein radikaler, aber wirklich unglaublich klarer Maßstab, den Jesus uns da gibt. Und Christoph beschreibt diese Früchte in seinem Text wirklich ungeschönt.

Sprecher 1: Mhm. Was sagt er da genau?

Sprecher 2: Also, die Konsequenzen der traditionellen Lehre sind für betroffene Menschen oft einfach nur emotionale Verwüstung, tiefe Isolation, oft auch Selbsthaselle Zerrissenheit.

Sprecher 1: Wahnsinn.

Sprecher 2: Ja, gläubige Menschen stehen vor dieser grausamen Wahl, entweder ihre in ihnen angelegte Liebesfähigkeit komplett abzutöten oder na ja, ihre spirituelle Heimat, ihre Gemeinde zu verlieren.

Sprecher 1: Und das ist ja keine echte Wahl, oder?

Sprecher 2: Und überhaupt nicht. Wenn wir das psychologisch und auch seorgerlich betrachten, ähm dann sind das schlichtweg keine guten Früchte. Diese ständige Unterdrückung eines zentralen Teils der eigenen Identität führt halt nicht zu geistlichem Wachstum. Sie führt zu einer Zerstörung der Seele.

Sprecher 1: Ja, und genau hier stießen meine Gedanken beim Lesen auf ein massives Paradoxon. Ähm, wenn wir mal ganz an den Anfang der Bibel zurückgehen, also zu Genesis 2, Vers 18.

Sprecher 2: Mhm. Die Schöpfungsgeschichte.

Sprecher 1: Genau. Gott schaut auf seine Schöpfung und anstatt zu sagen, alles ist perfekt, sagt er da etwas sehr bemerkenswertes. Er sagt, es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Er will ihm ein Gegenüber schaffen.

Sprecher 2: Ja,

Sprecher 1: und da frage ich mich, wie kann es also sein, dass eine theologische Tradition genau dieses lebenslange erzwungene Allein sein für eine bestimmte Gruppe von Menschen als absolute Pflicht deklariert.

Sprecher 2: Das ist ein extrem starker Punkt.

Sprecher 1: Oder wir erheben da quasi einen Zustand zum heiligen Ideal, den Gott selbst ausdrücklich als nicht gut bezeichnet hat.

Sprecher 2: Genau das ist eigentlich der Wundepunkt der traditionellen Auslegung. Sie verlangt von homosexuellen Menschen faktisch einen lebenslangen Zülbat und das ohne dass diese Menschen eine tatsächliche geistliche Berufung oder Gabe dafür besitzen.

Sprecher 1: Was ja eigentlich der Sinn des Zilibats wäre, diese Berufung.

Sprecher 2: Richtig, um die Tragweite dieses Zwangs zu verstehen, hilft da oft ein Blick auf Martin Luther. Luther hat den erzwungenen Zölib, also beispielsweise das verpflichtende Mönzgelüpte damals unfassbar scharf kritisiert.

Sprecher 1: Okay. Und was war Luthers Argument?

Sprecher 2: Na ja, Paulus schreibt im ersten Korintherbrief zwar, dass Ehelosigkeit eine besondere Gabe ist, die auch Freiheit schenken kann, aber Luther betonte die psychologische Mechanik dahinter, wenn diese Ehelosigkeit nicht als freiwillige Gabe von innen her ausgelebt wird, sondern als unerbittliches Gesetz von außen erzwungen wird, dann zerbricht der Mensch daran,

Sprecher 1: weil man Keuschheit eben nicht verordnen kann.

Sprecher 2: Ganz genau. Ein erzwungener Verzicht, der in lebenslange Einsamkeit mündet, steht im fundamentalen Widerspruch zur lebensbejahernden Botschaft des Evangeliums.

Sprecher 1: Wenn die praktischen Auswirkungen im Leben der Menschen derart schmerzhaft sind, ähm müssen wir unweigerlich die Wurzeln untersuchen. Lesen wir die biblischen Texte vielleicht einfach falsch?

Sprecher 2: Das ist die Große Frage.

Sprecher 1: Ja, das ist ja ein bisschen so, als würden wir versuchen, ähm den Quellcode eines antiken Betriebssystems zu lesen, ohne die damalige Hardware zu verstehen, auf der er lief.

Sprecher 2: Schöner Vergleich.

Sprecher 1: Lass uns dieses alte Betriebssystem mal starten und einen frischen Blick auf das Alte Testament werfen. Die bekannteste Geschichte dazu ist ja wohl Sodom und Gomorra aus Genesis 19. Für viele ist die Gleichung da sehr simpel. Also Sodom bedeutet die Verurteilung von Homosexualität. Punkt.

Sprecher 2: Ja, und diese Gleichung ist historisch untextlich schlichtweg falsch.

Sprecher 1: Krass. Okay, erklär mal.

Sprecher 2: Wenn wir in den historischen Kontext des alten Oriens eintauchen, sehen wir, was in Genesis 19 wirklich passiert. Es geht dort nicht um liebevolle, einvernehmliche Beziehungen zwischen Männern,

Sprecher 1: sondern

Sprecher 2: die Männer von Sodom fordern die Herausgabe der fremden Gäste von Lot, um sie durch eine brutale Gruppenvergewaltigung zu demütigen.

Sprecher 1: Ah, okay. Es ging also um Gewalt.

Sprecher 2: Genau. In der damaligen Welt war war sexuelle Gewalt ein gängiges grausames Instrument, um Feinde oder Fremde zu unterwerfen, sie ihre Ehre zu berauben und ihre Identität quasi zu zerstören. Es war eine pure Machtdemonstration.

Sprecher 1: Es geht ja also im Kern um die Waffe der sexuellen Gewalt als Mittel der Unterwerfung, nicht um das, was wir heute unter einvernehmlicher Sexualität verstehen.

Sprecher 2: Absolut richtig.

Sprecher 1: Und das Faszinierende ist ja, dass die Bibel diese Lesart selbst bestätigt. Wir müssen da ja gar nicht spekulieren.

Sprecher 2: Ja, zum Glück nicht. In Hekiel 16 liefert uns der Prophet quasi Gottes eigene Interpretation der Sünde Sodoms.

Sprecher 1: Und was steht da?

Sprecher 2: Dort heißt es unmissverständlich: „Siehe, das war die Schuld deiner Schwester Sodom. Hochmut, Fülle von Brot und sorglose Ruhe hatte sie mit ihren Töchtern, aber dem Armen und Elenden reichte sie nicht die Hand.“

Sprecher 1: Moment. Von homosexuellen Beziehungen steht dort kein einziges Wort.

Sprecher 2: Kein einziges Wort. Die Sünde war brutale Fremdenfeindlichkeit, soziale Kälte und unbarmherziger Hochmut.

Sprecher 1: Okay, warte kurz. Das mag für die Sodomerzählung zutreffen. Da gehe ich voll mit. Aber ähm wir können Levitikus nicht einfach so wegwischen, oder?

Sprecher 2: Ja, das höre ich oft,

Sprecher 1: weil in Kapitel 18 und 20 steht schwarz auf weiß das Wort Greul. Wenn ein Mann bei einem Mann liegt wie bei einer Frau und es wird die Todesstrafe gefordert. Das klingt für einen heutigen Bibelles nicht nach einem kulturellen Missverständnis, das klingt nach einem ewigen, sehr hartten moralischen Gesetz.

Sprecher 2: Ich verstehe diesen Einwand völlig, denn in unserer Übersetzung wirkt das Wort Greuel natürlich wie ein ultimatives moralisches Verdammungsurteil.

Sprecher 1: Ja, absolut.

Sprecher 2: Aber hier müssen wir wieder die Hardware der patriarchalen Antike verstehen. Das hebräische Wort, das oft mit Greul übersetzt wird, ist Towva. Und das beschrieb in diesem spezifischen Kontext primär rituelle und kultische Unreinheiten,

Sprecher 1: also Abgrenzung von anderen Völkern.

Sprecher 2: Ganz genau. Das Volk Israel war klein und umgeb von mächtigen heidnischen Völkern. Die Gesetze im Buch Levitikus sind Abgrenzungsgebote. Israel sollte rituell rein bleiben und sich von den Praktiken der Kanaanita abheben.

Sprecher 1: Verstehe.

Sprecher 2: Noch viel entscheidender ist jedoch das damalige Überlebenskonzept. Man glaubte in der Antike, der männliche Same sei eine äußerst kostbare endliche Ressource. Jeder Same, der nicht der Zeugung von Nachwuchs diente, bedrohte potenziell das Überleben des ganzen Volkes.

Sprecher 1: Wow. Okay. Und dazu kommt doch sicher auch dieses extrem starre Machtgefälle oder? Also ein Mann durfte damals doch niemals die Rolle einer Frau einnehmen.

Sprecher 2: Das ist der zweite zentrale Mechanismus. Ja, in dieser Welt besaß the Mann die Macht. Die Frau stand rechtlich leider oft auf der Stufe von Besitz. Wenn nun ein freier Mann beim Analverkehr die passive, also damals zwingend als weiblich verstandene Rolle einnahm, untergrub er die gesamte patriarchale Hierarchie der Gesellschaft.

Sprecher 1: Er degradierte sich selbst,

Sprecher 2: richtig auf den Status einer Frau oder ein Sklaven. Die Texte in Levitikus regeln also den Erhalt von Machtstrukturen und kultischer Reinheit in einer Gesellschaft, die ständig ums nackte Überleben kämpfte.

Sprecher 1: Und wir dürfen als heutige Leser ja nicht vergessen, diese ein oder zwei Verse sind eingebettet in das sogenannte Heiligkeitsgesetz, also ein riesiges Regelwerk.

Sprecher 2: Ja, Hunderte von Regeln.

Sprecher 1: Genau. Und da drängt sich mir die Frage auf, warum betrachten wir eigentlich ausgerechnet diese Verse über Sexualität als absolut und zeitlos gültig? Ähm, wären wir den Rest des Buches stillschweigend für erledigt erklären.

Sprecher 2: Ein sehr guter Punkt.

Sprecher 1: Wir fordern heute ja auch keine Todesstrafe mehr für das Arbeiten am Sabbat oder wir tragen Kleidung aus gemischten Stoffen und essen Krustentiere, was in Levitikus 11 ebenfalls strickt als rituell unrein untersagt wird.

Sprecher 2: Das ist exakt der Punkt, an dem wir unsere eigene hermeneutische Konsequenz prüfen müssen. Die frühe Kirche hat auf dem Apostelkonzil in Jerusalem sehr schmerzhaft aber klar gerungen und dann entschieden, Wir als Christen aus den Heidenvölkern sind nicht mehr an dieses alttestamentliche Ritual und Reinheitsgesetz gebunden.

Sprecher 1: Okay, das heißt, das wurde damals schon aufgelöst.

Sprecher 2: Genau. Sich heute selektiv diese zwei Verse aus Levitikus herauszugreifen, um Menschen zu verurteilen, den Rest aber als historisch überholt abzutun, ist theologisch echt schwer zu rechtfertigen.

Sprecher 1: Das Alte Testament spricht also in Kontexte von Gewalt, ritueller Reinheit und patriarchalem Überleben hinein. Seit so klar. Mhm.

Sprecher 2: Aber äh wie sieht es mit dem Neuen Testament aus? Der Apostel Paulus ist für viele ja das absolute Fundament in dieser ganzen Debatte. Vor allem der Römerbrief, Kapitel 1. Was treibt Paulus da wirklich an?

Sprecher 1: Um den Mechanismus hinter Römer 1 zu begreifen, müssen wir uns ansehen, wer Paulus eigentlich was und wem er da schreibt.

Sprecher 2: Okay. Wer war er?

Sprecher 1: Paulus war ein hellenistisch gebildeter Jude, stark beeinflusst von der stoischen Philosophie seiner Zeit. Und für die Stoiker war jeglicher Kontrollverlust durch Leidenschaften hochgradig suspekt.

Sprecher 2: Ah, also bloß keine extremen Gefühle zeigen.

Sprecher 1: Genau. Das Irial war die sogenannte Apatea, die Freiheit von wilden Begierden. Selbst übertriebene Leidenschaft in der Ehe mit der eigenen Frau wurde oft sehr kritisch gesehen.

Sprecher 2: Verrückt.

Sprecher 1: In Römer 1 richtet Paulus seine scharfe Kritik dann gegen eine ganz bestimmte Gruppe, nämlich eine saturierte, völlig dekadente römische Oberschicht. Diese Menschen lebten in unfaem Reichtum und aus einer Übersättigung heraus wandten sie sich heidnischen Götzenkulten zu und begannen aus reiner Gier nach immer neuen extremeren Reizen ihre Natur zu vertauschen.

Sprecher 2: Sie vertauschen ihre Natur. Ähm, das ist eigentlich ein faszinierendes Detail.

Sprecher 1: Wieso?

Sprecher 2: Na ja, denn wenn wir das mal auf die Lebensrealität von Christoph und anderen homosexuellen Christen heute übertragen, merken wir, da vertauscht ja niemand etwas aus zügelloser Übersättigung. Richtig,

Sprecher 1: die wachen ja nicht morgens auf und beschließen: „Hey, mein heterosexuelles Leben ist mir zu langweilig. Ich brauche extremere Kicks, ich werde jetzt schwul.“ Ihre Orientierung ist zutiefst in ihrer Biologie und Psyche angelegt.

Sprecher 2: Ja, absolut.

Sprecher 1: Und was Sie suchen, ist keine orgiastische Gear, sondern eigentlich genau die Werte, die das Neue Testament feiert. Also Treue, Liebe, Verantwortlichkeit, Verbindlichkeit. Das ist faktisch das exakte Gegenteil der rücksichtslosen Dekadenz, die Paulus in Rom anprangert.

Sprecher 2: Das beschreibt diesen historischen blinden Fleck perfekt. Paulus argumentiert in Römer 1, dass diese Exzesse die direkte strafende Folge der Abkehr von Gott und des Götzendienstes waren.

Sprecher 1: Aber quere Christinnen und Christen beten ja keine römischen Götzen an.

Sprecher 2: Genau. Sie beten den einen Schöpfergott an. Wir müssen einfach verstehen, das Konzept einer angeborenen, lebenslangen und auf liebevolle Partnerschaft ausgerichteten sexuellen Orientierung, das existierte in der gesamten Antike nicht.

Sprecher 1: Das kannten die gar nicht.

Sprecher 2: Nein, Paulus konnte darüber nicht schreiben, weil ihm das Konzept schlicht unbekannt war. Was er kannte und was er sah, war Pederastie, also Knabenliebe, heidnische Tempelprostitution und die sexuelle Ausbeutung von Sklaven durch ihre Herren.

Sprecher 1: Weerin. Und genau das führt uns jetzt zu diesem linguistischen Krimmi, den ich ganz am Anfang erwähnt habe.

Sprecher 2: Oh ja, das Jahr 1946.

Sprecher 1: Genau. Wenn wir in den ersten Korintherbrief schauen, Kapitel 6 oder in den ersten Timotheusbrief, da benutzt Paulus zwei sehr spezifische griechische Begriffe, Malakoi und Asenokoitaii.

Sprecher 2: Ja,

Sprecher 1: in deutschen Bibeln stehen da bis heute ja oft so heftige Worte wie Knabenschänder oder Lustknaben. Wie kommen wir von diesen Begriffen zu diesem Fehler von 1946?

Sprecher 2: Das ist linguistisch wirklich hochspannend. In der Sprachforschung ist man sich weitgehend einig, dass Malakoi wörtlich einfach weich bedeutet.

Sprecher 1: Weich. Okay.

Sprecher 2: Ja. Und In der antiken Kultur wurde das für Männer benutzt, die sich ökonomisch oder gesellschaftlich ausbeuten ließen, die ihre Ehre verkauften. Es beschrieb Ausbeutungsverhältnisse

Sprecher 1: und das andere Wort Arsenoiti,

Sprecher 2: das ist ein Neologismus. Paulus hat dieses Wort höchstwahrscheinlich selbst erschaffen. Das taucht in der Literatur davor praktisch nirgends auf.

Sprecher 1: Hätte Paulus einfach generell Männer gemeint, die Männer lieben, hätte er andere damals durchaus gebräuchliche griechische Begriffe nutzen können.

Sprecher 2: Hatte aber

Sprecher 1: Nein, er prägte dieses neue Wort, das im Kontext der damaligen Lasterkataloge ganz klar auf ausbeuterische, wirtschaftlich motivierte Sexualpraktiken abzielt, etwa Zwangsprostitution oder sexuellen Machtmissbrauch.

Sprecher 2: Und dann kommt das Jahr 1946 und die sogenannte ASV Bibel, die Revised Standard Version im Englischen. Was genau ist da passiert?

Sprecher 1: 1946 passierte etwas folgenschweres. Das Übersetzungskomitee der RSV Bibel fasste dies diese beiden komplexen antiken Begriffe, also Malakei und Asenokoitai zusammen und übersetzte sie zum allerersten Mal in der Kirchengeschichte mit dem modernen englischen Wort Homosexuals.

Sprecher 2: Krass. Das erste Mal.

Sprecher 1: Ja. Und ein junger Theologiestudent bemerkte diesen massiven Fehler. Er schrieb dem Komitee und wies darauf hin, dass man ein psychologisches Identitätskonzept aus dem 20. Jahrhundert doch unmöglich in einen antiken Text aus dem ersten Jahrhundert hineinlesen darf.

Sprecher 2: Hatten die darauf reagiert?

Sprecher 1: Das ist das faszinierend. Der Leiter des Komitees antwortete ihm und gab ihm recht. Er gestand ein, dass es ein grober Übersetzungsfehler war.

Sprecher 2: Wow, das muss man sich wirklich einmal in seiner ganzen Tragweite bewusst machen. Ein Fehler.

Sprecher 1: Ja. Jahre später, 1971, wurde das Wort bei einer Revision der Bibel tatsächlich wieder gestrichen und durch präzisere Begriffe ersetzt. Aber das Unheil nahm längst seinen Lauf,

Sprecher 2: weil andere Bibelübersetzungen das schon übernommen hatten.

Sprecher 1: Ganz genau. Weltweit auch ins Deutsche. Das moderne Wort war in den antiken Text hineingeschrieben worden und fortanlasen Millionen Menschen die Bibel durch diese verfälschte Brille.

Sprecher 2: Und diese Instrumentalisierung eines fehlerhaft übersetzten Textes, die blieb ja nicht nur theologische Theorie, sie führte in der jüngeren Geschichte zu Praktiken, die das Leben von Menschen wie Christoph regelrecht zerstört haben.

Sprecher 1: Leider ja.

Sprecher 2: Ich spreche Löffe den sogenannten Konversionstherapien, also dem Versuch homosexuelle Menschen psychologisch oder durch intensives Gebet umzupolen. Christoph beschreibt sehr detailliert seine Erfahrungen damit, unter anderem bei der Gruppierung Wüsten Strom. Wie haben diese Gruppen eigentlich gearbeitet? Was war da der Mechanismus dahinter?

Sprecher 1: Die psychologische Mechanik dieser Therapien beruhte auf einer fatalen Grundannahme. Homosexualität wurde als psychischer Defekt, als Entwicklungsstörung betrachtet.

Sprecher 2: Aha.

Sprecher 1: Man redete den Betroffenen ein, ihre Orientierung sei das Resultat einer sogenannten Mutterwunde, also einer überbehütenden Mutter. oder einer Vaterwunde eines emotional abwesenden Vaters.

Sprecher 2: Und wie sah dann die Therapie aus?

Sprecher 1: Die Methode bestand darin, ununterbrochen in der eigenen Biographie nach diesen angeblichen Wunden zu graben. Es war ein endloser Kreislauf aus erzwungener Reue, der ständigen Selbstbeobachtung, ob man noch sündige Gedanken hat und dem verzweifelten Versuch, krampfhaft heterosexuelle Gefühle zu generieren.

Sprecher 2: Puh, Christoph beschreibt diesen Mechanismus ja wirklich als eine Folter für die Seele. Er hat verzweifelt versucht seine glückliche Kindheit und seine liebenden Eltern in dieses kranke Raster zu pressen.

Sprecher 1: Ja, das ist furchtbar.

Sprecher 2: Er dachte allenstes: „Wenn mein Vater mich doch nur anders geliebt hätte, wäre ich jetzt gesund.“ Und diese Ideologie trieb natürlich einen Keil zwischen ihn und seine Familie. Und noch viel schlimmer, sie zerstörte fast sein Gottesbild.

Sprecher 1: Das ist leider sehr typisch.

Sprecher 2: Folgerung: Gott erhört mich nicht. Gott hasst mich. Christoph schreibt, dass er zeitweise seinen eigenen Suizid detailliert plante, weil dieser innere psychologische Druck schlichtweg nicht mehr zu ertragen war.

Sprecher 1: Und das illustriert auf erschütternde Weise, warum heute alle großen psychologischen, psychiatrischen und medizinischen Fachverbände weltweit diese Konversionstherapien scharf verurteilen,

Sprecher 2: weil sie so gefährlich sind.

Sprecher 1: Absolut. Sie sind nicht nur völlig wirkungslos, sie sind toxisch. Sie erzeugen schwerste Traumata, tiefe klinische Depressionen und treiben unzählige junge Menschen in den Suizid, weil dieser ständige Kreislauf aus Scham und vermeintlichem Versagen die Psyche zersetzt. Sogar die prominentesten Anführer dieser Exgay Bewegungen sind irgendwann unter der Wucht der Realität zusammengebrochen, nicht wahr?

Sprecher 2: Ja, der wohl bekannteste Fall ist Allan Chambers.

Sprecher 1: Wer war das noch mal genau?

Sprecher 2: Er war jahrelang der Präsident von Exodus International, der einstmächtigsten christlichen Organisation für Konversionstherapien weltweit. Und im Jahr 2013 trat er vor die Öffentlichkeit und tat etwas Beispielloses. Er löste die gesamte Organisation auf.

Sprecher 1: Krass.

Sprecher 2: In einer tiefbewegenden Entschuldigung gestand der ein, dass in all den Jahrzehnten praktisch niemand eine echte Veränderung seiner sexuellen Orientierung erfahren hatte.

Sprecher 1: Niemand?

Sprecher 2: Nein. Die angeblich geheilten lebten einfach nur in ständiger Verdrängung. Er bat all jene um Vergebung, den Exodus tiefes Leid, Scham und Trauma zugefügt hatte.

Sprecher 1: Wenn wir all das betrachten, also die toxischen Früchte der Auslegungen, diese Übersetzungsprobleme, das ganze Leiden, da drängt sich mir eine fundamentale theologische Frage auf.

Sprecher 2: Welche?

Sprecher 1: Kann eine Kirche, die die Bibel ernst nimmt, ihre Position überhaupt so grundlegend ändern. Verkauft man da den Glauben nicht einfach billig an den aktuellen Zeitgeist?

Sprecher 2: Das ist die Angst vieler konservativer. Aber wenn wir mal in die Kirchengeschichte schauen, sehen wir, dass die Kirche ihre Positionen immer wieder korrigiert hat, wenn der Geist Gottes und tiefere Erkenntnisse es erforderten. Das hat überhaupt nichts mit Zeitgeist zu tun, sondern mit geistlichem Wachstum.

Sprecher 1: Hast du da ein Beispiel?

Sprecher 2: Nehmen wir Galileo Galilei. Selbst Reformatoren wie Luther argumentierten damals mit bei glasklaren Bibelversen, dass die Erde feststeht und die Sonne sich bewegt. Heute käme niemand mehr auf die Idee, die Bibel als Physikbuch zu lesen.

Sprecher 1: Ja, das stimmt. Noch gravierender ist das Thema Sklaverei.

Sprecher 2: Genau. Sklaverei wird im neuen Testament ja nirgendwo explizit verboten. Der Apostel Paulus schickt den entlaufenen Sklaven Onnesimus sogar zu seinem christlichen Herrn Filemon zurück, ohne diese Institution der Sklaverei direkt abzuschaffen.

Sprecher 1: Richtig. Über Jahrhunderte haben Christen die Sklaverei dann mit der Bibel legitimiert.

Sprecher 2: Wahnsinn eigentlich

Sprecher 1: ja, erst durch einen langen Lernprozess erkannten Gläubige, dass die tiefe DNA des Evangeliums, also diese radikale Gleichwertigkeit aller Menschen vor Gott, die Sklaverei auf Dauer unmöglich macht. Oder denken wir an die Polygamie?

Sprecher 2: Also mehrere Ehefrauen.

Sprecher 1: Genau. Abraham, Jakob, David, die großen Helden des Alten Testaments, hatten alle mehrere Frauen. Das war damals göttlich sanktioniertes Recht. Trotzdem hat die christliche Kirche später angetrieben vom Liebes Ideal Christi die Monogamie als Lebensform etabliert.

Sprecher 2: Das heißt, die Kirche lernt dazu.

Sprecher 1: Absolut. Die Kirche ist historisch immer dann am lebendigsten und treusten, wenn sie bereit ist, die heilige Schrift im Licht der Barmherzigkeit Christi neu zu deuten.

Sprecher 2: Und um genau diese Spannung zwischen einer starren Regel und der Barmherzigkeit greifbar zu machen, möchte ich noch eine Geschichte aus dem Lukasevangelium anbringen, Kapitel 13.

Sprecher 1: Oh, sehr passend.

Sprecher 2: Jesus heilt dort am Sabbat eine Frau, die seit 18 Jahren körperlich schwer verkrümmt ist. Er sieht sie, berührt sie, sie richtet sich auf und lobt Gott. Doch der Synagogenvorsteher ist empört und Maß regelt die menge. Es gibt sechs Tage zum Arbeiten. Da kommt und lasst euch heilen, aber nicht am Sabbat.

Sprecher 1: Ja, und wir müssen diesem Vorsteher ja zugestehen, er war kein Bösewicht.

Sprecher 2: Nein, überhaupt nicht.

Sprecher 1: Er handelte aus tiefster konservativer gibblischer Überzeugung. Die Heiligung des Sabbats war nicht einfach irgendeine Tradition. Sie war Teil der zehn Gebote,

Sprecher 2: richtig?

Sprecher 1: Sie stand im Zentrum der jüdischen Identität. Er verteidigte eigentlich lediglich das, was geschrieben stand.

Sprecher 2: Und trotzdem hatte er einen gewaltigen tragischen blinden Fleck. Er war so sehr damit beschäftigt, seine theologische Auslegung des Textes zu verteidigen, dass er das Leid des echten Menschen, der direkt vor seiner Nase stand, völlig ausblendete.

Sprecher 1: Genau.

Sprecher 2: Er verfehlte das Herz Gottes komplett, weil er den Buchstaben des Gesetzes über das menschliche Heil stellte. Jesus nennt ihn daraufhin einen Heuchler. Und das führt mich ähm zu einer sanften, aber sehr ernsten Frage an uns heute.

Sprecher 1: Sind wir in unseren Gemeinden vielleicht manchmal wie dieser Synagogenvorsteher? Verteidigen wir unsere theologische Tradition so unerbittlich, dass wir die Not, die existentielle Einsamkeit und die Tränen der queeren Menschen vor uns überhaupt nicht mehr wahrnehmen.

Sprecher 2: Das ist wirklich die entscheidende Reflexionsfrage. Kein biblisches Gebot existiert ja um seiner selbst Willen. Gebote sollen dem Leben dienen. Wenn eine theologische Tradition Menschen systematisch zerstört und von Gott entfremdet, dann müssen wir uns fragen, ob wir Gottes unendliche Liebe nicht künstlich in unsere eigenen kleinen Kategorien gepresst haben.

Sprecher 1: Ja, das schönste Zeugnis dafür in Christophs Text ist eigentlich seine Erfahrung mit dem Gebet. Jahrelang betete er unter Tränen, dass Gott seine Sexualität heilen möge. Aber Gott tat etwas ganz anderes, etwas viel tiefgreifenderes.

Sprecher 2: Er schenkte ihm die Heilung von seiner tiefen Tam und seinem Selbsthass. Gott gab Christoph einen unerschütterlichen inneren Frieden und die Gewissheit, dass er als schwuler Christ zutiefst geliebtes, gewolltes Kind Gottes ist, genauso wie er geschaffen wurde.

Sprecher 1: Wunderschön. Wir sind am Ende unseres heutigen Gesprächs angekommen. Wir haben gesehen, wie historischer Kontext, Übersetzungsfehler und antike Konzepte, Texte geprägt haben, die nie für die treue verantwortungsvolle Liebe heutiger Paare gedacht waren. Und mit einem Gedanken möchte ich dich nun in deinen Tag entlassen. Wenn Gott homosexuellen Christenennen und Christen einen so tiefen echten Frieden schenkt, gerade weil sie sich als von Gott geliebt annehmen, sind wir dann bereit, Gottes Wirken auch dort freudig anzuerkennen, wo es unsere Traditionen sprengt? Stellst du dich am Ende zu dem Synagogenvorsteher, der eisern seine Regel verteidigt, oder freust du dich mit der Frau, die endlich nach all den Jahren im Staub von Christus aufgerichtet wurde?

Sprecher 2: Das ist eine wunderbare zu Tiefstgeistliche Frage zum Weiterdenken.

Sprecher 1: Danke, dass du dir heute die Zeit genommen hast, mit uns so tief in dieses wichtige Thema einzutauchen. Mach’s gut und bis zum nächsten Mal.